Sonntag, 12. März 2023

Du kannst mir mal for´n Sechser

 Du kannst mir mal for´n Sechser

weil wir uns beide kenn´n
bei Kranzler unter´n Linden
nach Kuchenkrümmel renn´n

„Ich jeh dir nich bei Kranzler
det duste janz jut wissen
bei Kranzler um die Ecke
da wirste rausjeschmissen“

„Denn kannst mir for´n Sechser
weil wir uns jrade kenn´n
mit blankgewichste Stiebel
den Puckel runter renn´n“

Text: Verfasser unbekannt
Musik: Parodie auf die Melodie „Wir sind die lustigen Gardeschützen“
in Mutter der Mann mit dem Koks ist da (1977)


(Volksliederarchiv)


Ich hatte aus meiner Kindheit nur die 3. Strophe in Erinnerung 

und zwar in der Fassung:


„Du kannst mir mal für'n Sechser
weil wir uns beide kenn´n
mit blankgewichsten Stibbeln
den Buckel runter renn´n.“


Ich war der Meinung, es gäbe nur diese eine Strophe.






Freitag, 3. März 2023

„Jetzt kommt die Zeit, daß ich wandern muß

 „Jetzt kommt die Zeit, daß ich wandern muß

mein Schatz, mein Augentrost!“
„Wann kommst du aber wieder,
daß du mich heiraten tust?“

„Und wenn ich auch mal wieder komm,
mein Schatz, was nützt es dich!
Lieb hab ich dich von Herzen,
aber heiraten tu ich dich nicht.“

Sind auch die Äpflein rosenrot,
schwarze Kernlein sind darin,
und so oft ein Knab geboren wird,
hat er schon einen falschen Sinn.

Einen falschen Sinn, einen kecken Mund,
den haben sie allzugleich,
und wenn sie ein Mädel betrügen können,
so ist’s ihr größte Freud.

Ihr Mägdelein, seid ihr sternenblind,
oder seht ihr gar nicht mehr?
Seht ihr nicht die Hirschlein laufen,
die man jetzt abschießen soll?

Die Hirschlein, die man schießen soll,
die laufen in dem Wald.
Junggesellen soll man lieben,
eh daß sie werden alt.

Denn wenn sie alt und schrumpflich sind,
habens Grübchen im Gesicht,
dann die eine zu der andern spricht:
„Nimm ihn du, ich mag ihn nicht!“

„Und wenn du ihn nicht willst und ich ihn nicht mag,
sag an, was tut man dann?“
„Ei, dann ladt ihn in eine Kanone
und schieß ihn nach Amsterdam!“

Text und Melodie: Verfasser unbekannt
aus der Gegend von Limburg und Wetzlar – Hessen – um 1913

Volksliederarchiv (auch Noten)

Dienstag, 21. Februar 2023

Sind so kleine Hände

 Kinder


1. Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran.
    Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.
      Sind so kleine Füße, mit so kleinen Zeh’n.
    Darf man nie drauf treten, könn’ sie sonst nicht gehn.


2.
   Sind so kleine Ohren; scharf, und ihr erlaubt.
     Darf man nie nie zerbrüllen, werden davon taub.
   Sind so schöne Münder, sprechen alles aus.
   Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.


3.    Sind so klare Augen, die noch alles sehn.
      Darf man nie verbinden, könn’ sie nichts verstehn.
      Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei.
   Darf man niemals quälen, geh’n kaputt dabei.


4. Ist so’n kleines Rückgrad, sieht man fast noch nicht.
      Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.
   Grade, klare Menschen wär’n ein schönes Ziel.
   Leute ohne Rückgrad hab’n wir schon zuviel.


(Bettina Wegner, 1978)

Montag, 30. Januar 2023

Es steht ein goldnes Garbenfeld,

Es steht ein goldnes Garbenfeld,
das geht bis an den Rand der Welt.
Mahle, Mühle, mahle!

Es stockt der Wind im weiten Land,
viel Mühlen stehn am Himmelsrand.
Mahle, Mühle, mahle!

Es kommt ein dunkles Abendrot,
viel arme Leute schrein nach Brot.
Mahle, Mühle, mahle!

Es hält die Nacht den Sturm im Schoß,
und morgen geht die Arbeit los.
Mahle, Mühle, mahle!

Es fegt der Sturm die Felder rein,
es wird kein Mensch mehr Hunger schrein.
Mahle, Mühle, mahle!

Richard Dehmel

Mittwoch, 25. Januar 2023

 

Gode Nacht

Över de stillen Straten
Geit klar de Klockenslag;
God Nacht! Din Hart will slapen,
Un morgen is ok en Dag.

Din Kind liggt in de Weegen,
Un ik bün ok bi di;
Din Sorgen un din Leven
Is allens um un bi.

Noch eenmal lat uns spräken:
Goden Abend, gode Nacht!
De Maand schien op de Däken,
Uns’ Herrgott hölt de Wacht.

Theodor Storm

All mein Gedanken, die ich hab', die sind bei dir.

           All mein Gedanken, die ich hab', die sind bei dir.

Du auserwählter einz'ger Trost, bleib stets bei mir.
Du, du, du sollst an mich gedenken.
Hätt' ich aller Wünsch Gewalt,
von dir wollt ich nicht wenken.

Du auserwählter einz'ger Trost, gedenk daran!
Leib und Gut, das sollst du gar zu eigen han.
Dein, dein, dein will ich immer bleiben:
Du gibst Freud und hohen Mut
und kannst mir Leid vertreiben.

Dein allein und Niemands mehr, das wiss' fürwahr,
tätst du desgleichen Treu an mir, so wär ich froh.
Du, du, du sollst von mir nit setzen:
Du gibst Freud und hohen Mut
und kannst mich Leids ergetzen.

 Du Allerliebst und Minniglich, du bist so zart,
deinsgleichen wohl in allen Reich, die find man hart.
Bei dir, bei dir ist mein Verlangen.
Nun ich von dir scheiden soll,
so hältst du mich umfangen.

Die werte Rein, die ward sehr wein'n, do das geschah:
Du bist mein und ich bin dein, sie traurig sprach.
Wann, wann, wann ich soll von dir weichen:
Ich nie erkannt, noch nimmer mehr
erkenn ich deines Gleichen!

Locheimer Liederbuch 1480

Gesang (dreistimmig)

King's Singers

Notenblatt

Mittwoch, 4. Januar 2023

Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht

 

Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht,
Fürsten in Lumpen und Loden,
ziehn wir dahin bis das Herze uns steht,
ehrlos bis unter den Boden.
Fidel Gewand in farbiger Pracht
trefft keinen 
Zeisig ihr bunter,
ob uns auch Speier und Spötter verlacht,
Uns geht die Sonne nicht unter


Ziehn wir dahin durch Braus und durch Brand,
klopfen bei Veit und Velten.
Huldiges Herze und helfende Hand
sind ja so selten, so selten.
Weiter uns wirbelnd auf staubiger Straß
immer nur hurtig und munter;
Ob uns der eigene Bruder vergaß,
uns geht die Sonne nicht unter


Aber da draußen am Wegesrand,
dort bei dem König der Dornen.
Klingen die Fiedeln ins weite Land,
klagen dem Herrn unser Carmen.
Und der Gekrönte sendet im Tau
tröstende Tränen herunter.
Fort geht die Fahrt durch den wilden Verhau,
Uns geht die Sonne nicht unter


Bleibt auch dereinst das Herz uns stehn
Niemand wird Tränen uns weinen.
Leis wird der Sturmwind sein Klagelied wehn
trüber die Sonne wird scheinen.
Aus ist ein Leben voll farbiger Pracht,
zügellos drüber und drunter.
Speier und Spötter, ihr habt uns verlacht,
Uns geht die Sonne nicht unter


Text und Musik: Verfasser unbekannt , aus der Zeit der bündischen Jugend , des Wandervogel , mündlich überliefert , aufgezeichnet von Fritz Sotke – 1924

Version von Ernst Busch:

Wilde Gesellen, vom Sturmwind durchweht
Fürsten in Lumpen und Loden
ziehen wir dahin, bis das Herze uns steht
Rebellen bis unter den Boden.
Fiedel, Gewand in farbiger Pracht
trefft keinen 
Zeisig ihr bunter.
Spießer und Spötter, ihr habt uns verlacht.
Uns ging die Sonne nicht unter

Ihr Herren der Banken, ihr Ritter vom Gold,
bewahrt euren traurigen Plunder.
Ihr Diener der Götzen von Mammon und Sold,
auch eure Welt brennt wie Zunder.
Kämpfende Jugend im Sturmgebraus
holt eure Götzen herunter.
Mit Euren Tempeln und Banken ist‘s dann aus,
euch geht die Sonne bald unter.


Verfolgt und verraten, vom Kerker bedroht,
Freiwild für die Gestapo-Schergen‘
zerfetzt und zerschossen die Fahne, blutrot,
sie ging mit durch Tod und Verderben.
Wir waren Verräter an Hitlers Staat,
und wir sind stolz auf unsere Verbrechen.
Wir waren die Jugend des Hochverrats,
uns konnte kein Gegner zerbrechen.
Wir sind die Jugend des Hochverrats,
uns soll kein Gegner zerbrechen.

Text: Ernst Busch – um 1937? letzte Zeile in anderen Versionen auch: „An uns soll die Knechtschaft zerbrechen“


Version von Häftlingen aus dem Konzentrationslager:

Graue Kolonnen ziehen ins Moor
Arbeiterreih´n ohne Ende
Posten zur Seite, Posten davor
Posten am Zugesende
Geht auch der Tod uns dauernd zur Seit´
Geht es auch drüber und drunter
Braust auch der Wind durch finstere Heid´
Uns geht die Sonne nicht unter.


Fern von der Heimat, dem Freundeskreis,
Trennen uns Draht und Gelände;
Doch wir spüren erdenweit
Helfende Bruderhände.
Geht auch im einsamen Moor unsre Straß´
Endlos bergauf und bergunter,
Keiner von uns die Heimat vergaß
uns geht die Sonne nicht unter


Graue Kolonnen ziehen ins Moor
Arbeiterreih´n ohne Ende.
Posten zur Seite, Posten davor,
Posten am Zugesende.

Doch strahlt uns im Osten ein Morgenrot,
Aufleuchtend hell, wie ein Wunder,
Kündet uns allen ein Ende der Not.
Uns geht die Sonne nicht unter!

Text: Verfasser unbekannt 

Quelle: Volksliedarchiv

Das Lied wurde (zumindest in den 60er Jahren) auch in der Bundeswehr gesungen. 

Bemerkenswert, wie dies poetische Lied in verschiedener Weise umgeschrieben wurde. 

Die einprägsame Zeile "Uns geht die Sonne nicht unter" wurde auch als Titel eines Naziliederbuchs verwendet.