Sonntag, 21. Oktober 2018

Es kamen grüne Vögelein
Text: Friedrich Rückert , 1823 (1788-1866)
Melodie   : Joseph Gernsbach (1787-1830)
Es kamen grüne Vögelein
geflogen her vom Himmel
und setzten sich im Sonnenschein
im fröhlichen Gewimmel
all an des Baumes Äste
und saßen da so feste
als ob sie angewachsen sei´n
Sie schaukelten in Lüften lau
auf ihren schwanken Zweigen
Sie aßen Licht und tranken Tau
und wollten auch nicht schweigen
Sie sangen leise, leise
auf ihre stille Weise
von Sonnenschein und Himmelsblau
Wenn Wetternacht auf Wolken saß
so schwirrten sie erschrocken
sie wurden von dem Regen naß
und wurden wieder trocken,
Die Tropfen rannen nieder
vom grünenden Gefieder
und desto grüner wurde das
Da kam am Tag der scharfe Strahl
ihr grünes Kleid zu sengen
und nächtlich kam der Frost einmal
mit Reif es zu besprengen.
Die armen Vöglein froren
ihr Frohsinn war verloren
ihr grünes Kleid ward bunt und fahl
Da trat ein starker Mann zum Baum
und hub ihn an zu schütteln
vom oberen bis zum unteren Raum
mit Schauer zu durchrütteln
Die bunten Vöglein girrten
und auseinander schwirrten
wohin sie flogen, weiß man kaum

Sonntag, 26. August 2018

Sah ein Knab ein Röslein stehn

  Sah ein Knab’ ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell es nah zu sehn,
Sah’s mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Heiden.

   Knabe sprach: ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will’s nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Heiden.

   Und der wilde Knabe brach
’s Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt’ es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Heiden.

(Johann Wolfgang von Goethe, Fassung von 1827, Entstehung vermutlich 1771)

Vertonung von Schubert: Schwarzkopf; Fischer-Dieskau
Chorfassung von Werner (Günztaler Vocalensemble)
Kelly Familie (1988)  Maite Itoiz & John Kelly  (2009) Kings Singers (zu beachten das illustrierende Bild, das Itoiz/Kelly in ihrer Inszenierung aufgreifen)


Ob Goethe das folgende Volkslied kannte, ist nicht sicher. Die Wendung "Röslein auf der Heiden" legt es nahe. Freilich wird es das Lied auch in verschiedenen Versionen gegeben haben. (vgl. dazu den Wikipediaartikel)
Der Vergleich mit einer Rose ist der gleiche. Der Unterschied in der Aussage ist aber stark.
Der sexuelle Übergriff wird - in den Kompositionen wird das noch deutlicher - als unvermeidbar hingenommen und sentimentalisiert als schicksalhaft von der Frauenrolle vorgegeben. Der Mann ist der Handelnde, die Rose (Metapher: die Blume, die gebrochen wird) kann nicht ausweichen oder entfliehen, sie ist aufgrund ihrer naturgegebenen Rolle dem Handeln ausgeliefert, auch wenn sie dem Widerstand entgegenzusetzen versucht.
Nicht ganz so passiv, aber auch dem handelnden Mann ausgeliefert schildern die Lieder "Es blies ein Jäger wohl in sein Horn" und "Es freit ein wilder Wassermann" die Situation von Jungfrau und Frau. 
Von der gegenwärtigen MeToo-Debatte ist diese Auffassung der Frauenrolle weit entfernt. 
Bisher ist die jahrhundertlange Sentimentalisierung dieser Frauenrolle in Volkslied und Kunst meiner Kenntnis nach in dieser Debatte kaum zur Sprache gekommen. 

Sie gleicht wohl einem Rosenstock
drum liegt sie mir am Herzen
Sie trägt auch einen roten Rock
kann züchtig freundlich scherzen.
Sie blühet wie ein Röselein
die Wänglein wie das Mündelein
Liebst du mich, so wie ich dich
Röslein auf der Heiden
Das Röslein, das mir werden muß
Röslein auf der Heiden
Das hat mir treten auf den Fuß
Und g´schah mir doch nicht leide
Sie liebet mich im Herzen wohl
In Ehren ich sie lieben soll
Liebst du mich, so wie ich dich
Röslein auf der Heiden
Beut her mir deinen roten Mund
Röslein auf der Heiden
Ein Kuss gib mir aus Herzensgrund
So steht mein Herz in Freuden
Behüt dich Gott zu jeder Zeit
All Stund und wie es sich begeit
Liebst du mich, so wie ich dich
Röslein auf der Heiden
Wer ist’s der uns dies Liedlein sang
Röslein auf der Heiden
Das hat getan ein junger Knecht
Als er von ihr wollt scheiden
Zu tausend hundert guter Nacht
Hat er das Liedlein wohl gemacht
Liebst du mich, so wie ich dich
Röslein auf der Heiden

Text: aus von Paul von des Aelst : Liederbuch um 1602
Musik: anonym , aus “ Geistliche Lieder “ 1545

Montag, 16. Juli 2018

Blankenstein Husar

Dort drunt im schönen Ungarland,
Wohl an dem schönen Donaustrand,
|: Da liegt das Land Magyar. :|
Als junger Bursch da zog ich aus,
Ließ weder Weib noch Kind zu Haus,
|: Als Blankensteinhusar. :|
Refrain:
|: Dunja Dunja Dunja Tisa,
Bas maderem trem kordijar
Te-de-rei, te-de-ra, te-de-rei, te-de-ra
Als Blankenstein-husar. :|

2. Das Roß, das mir mein Vater gab,
Ist all mein Gut, ist all mein Hab,
|: Sein Heimat ist Magyar. :|
Es ist geschwind als wie der Wind,
Wie alle Heldenpferde sind
|: Vom Blankensteinhusar. :|
Refrain:
3. Ein Saraß aus dem Türkenkrieg,
Der mir vom Urgroßvater blieb,
|: Geschliffen in Magyar. :|
Gar mancher mußt ihn spüren schon,
Gar mancher lief vor ihm davon,
|: Vorm Blankensteinhusar. :|
Refrain:
4. Im letzten Dorf da kehrt ich ein
Und trank dort den Tokayerwein,
|: Tokayer aus Magyar. :|
Tokayer du bist mild und gut,
Du bist das reinste Türkenblut
|: Fürn Blankensteinhusar. :|
Refrain:

Zitiert nach http://www.musicanet.org/robokopp/Lieder/dortdrun.html, dort auch Erläuterungen und Diskussion

Samstag, 7. Juli 2018

Marschlied der Eisernen Front

Drei Pfeile zerspalten wie Blitze die Nacht,
Wo bist du, du Lump, der den Freund umgebracht?
National? National? National?
So schreist du, der nur sich selbst anerkennt,
Uns alle beschimpft und Verräter nennt!
National?

Dich, Lüge, trifft der erste Strahl:
Fliege, Pfeil, triff‘, Hammer,
Rote Fahnen, wehet ins Land!
Eiserne Front! Eiserne Front! Eiserne Front!
Fliege, Pfeil, triff‘, Hammer uns’rer Hand!

Drei Pfeile zerspalten wie Blitze die Nacht,
Wo bist du, du Schuft, der den Diebstahl gemacht?
Sozialist? Sozialist? Sozialist?
So nennst du dich, der mit den Reichen paktiert!
Dem Hohenzollernsohn hast du dich alliiert!
Sozialist?

Dich, Lüge, trifft der zweite Strahl:
Fliege, Pfeil, triff‘, Hammer,
Rote Fahnen, wehet ins Land!
Eiserne Front! Eiserne Front! Eiserne Front!
Fliege, Pfeil, triff‘, Hammer uns’rer Hand!

Drei Pfeile zerspalten wie Blitze die Nacht,
Wo bist du, du Pest, die sich ausgedacht
Pg.? Pg.? Pg.?
Du dienst nur als Vorspann dem Schlotbaron.
Er zahlt dir dicke Gelder, Million um Million!
Pg.?

Dich, Lüge, trifft der dritte Strahl:
Fliege, Pfeil, triff‘, Hammer,
Rote Fahnen, wehet ins Land!
Eiserne Front! Eiserne Front! Eiserne Front!
Fliege, Pfeil, triff‘, Hammer uns’rer Hand!

Tonbeispiel
(gesungen von Mitgliedern des Berliner-Schubert-Chors mit Blasorchester)

Eiserne Front
"Die Eiserne Front war ein 1931 gegründeter Zusammenschluss des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), des Allgemeinen freien Angestelltenbundes (Afa-Bund), der SPD und des Arbeiter-Turn- und Sportbundes (ATSB) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus." 
(Seite „Eiserne Front“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 11. Mai 2018, 14:26 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Eiserne_Front&oldid=177341365 (Abgerufen: 7. Juli 2018, 07:25 UTC))

Mittwoch, 4. Juli 2018

Es blies ein Jäger wohl in sein Horn

Es blies ein Jäger wohl in sein Horn, wohl in sein Horn,
und alles, was er blies, das war verlorn, das war verlorn.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.

Soll denn mein Blasen verloren sein?
Viel lieber will ich kein Jäger sein.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.

Er zog sein Netz wohl über den Strauch,
da sprang ein schwarzbraunes Mädel heraus.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.

Ach schwarzbraunes Mädel, entspring mir nicht!
Ich habe große Hunde, die holen dich.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.

Deine großen Hunde, die holen mich nicht.
Sie wissen meine hohen weiten Sprünge nicht.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.

Deine hohen weiten Sprünge, die wissen sie wohl,
sie wissen, daß du heut noch sterben sollst.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.

Und sterb ich heut, bin ich morgen tot,
begräbt man mich unter Rosen rot.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.

Er warf ihr's Netz wohl um den Fuß,
auf daß die Jungfrau fallen muß.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.

Er warf ihr's Netz wohl um den Arm,
da war sie gefangen, daß Gott erbarm.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.

Er warf ihr's Netz wohl um den Leib,
da ward sie des jungfrischen Jägers Weib.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.




Es blies ein Jäger wohl in sein Horn,
Und alles was er blies das war verlorn.
Soll es denn alles verloren seyn?
Ich wollte lieber kein Jäger seyn.
Er zog sein Netz wohl über den Strauch,
da sprang ein schwarzbraunes Tierlein heraus.
Ei Tierlein, laß deine Füße nur stahn,
meine schneeweiße Hündlein, die fangen dich schon
Deine großen Hunde die holen mich nicht,
Sie wissen meine hohe weite Sprünge noch nicht.
Deine hohe Sprünge die wissen sie wohl,
du dauerst mich, daß du heute noch sterben sollst.
Sterbe ich nun, so bin ich tot,
Begräbt man mich unter die Röslein rot.
Wohl unter die Röslein, wohl unter den Klee,
Scheiden von der Herzallerliebsten, das tut weh
Es stund kaum an den dritten Tag
da wuchsen drei Blumen aus ihrem Grab
Das erste war ein Röslein rot
war gewachsen von der Herzallerliebsten tot
Das ander war ein Nägelein
war gewachsen von der Herzallerliebsten mein
Das dritte war ein Lilie weiß
steckt er`s auf seinen Hut mit Fleiß
(in vielen Varianten verbreitet seit dem 16. Jahrhundert)

Es blies ein Jäger |: wohl in sein Horn, :|
Und alles was er blies das war verlorn.
Hop sa sa sa, dra ra ra ra,
Und alles was er blies das war verlorn.
2. Soll denn mein Blasen |: verloren seyn? :|
Ich wollte lieber kein Jäger seyn.
Hop sa sa sa, dra ra ra ra,
Ich wollte lieber kein Jäger seyn.
3. Er zog sein Netz |: wohl über den Strauch, :|
Sprang ein schwarzbraunes Mädel heraus.
Hop sa sa sa, dra ra ra ra,
Sprang ein schwarzbraunes Mädel heraus.
4. Schwarzbraunes Mädel |: entspringe mir nicht, :|
Hab' große Hunde die holen dich.
Hop sa sa sa, dra ra ra ra,
Hab' große Hunde die holen dich.
5. Deine großen Hunde |: die holen mich nicht, :|
Sie wissen meine hohe weite Sprünge noch nicht.
Hop sa sa sa, dra ra ra ra,
Sie wissen meine hohe weite Sprünge noch nicht.
6. Deine hohe Sprünge |: die wissen sie wohl, :|
Sie wissen, daß du heute noch sterben sollst.
Hop sa sa sa, dra ra ra ra,
Sie wissen, daß du heute noch sterben sollst.
7. Sterbe ich nun, |: so bin ich todt, :|
Begräbt man mich unter die Röslein roth.
Hop sa sa sa, dra ra ra ra,
Begräbt man mich unter die Röslein roth.
8. Wohl unter die Röslein, |: wohl unter den Klee, :|
Darunter verderb ich nimmermehr.
Hop sa sa sa, dra ra ra ra,
Darunter verderb ich nimmermehr.
9. Es wuchsen drey Lilien |: auf ihrem Grab, :|
Die wollte ein Reuter wohl brechen ab.
Hop sa sa sa, dra ra ra ra,
Die wollte ein Reuter wohl brechen ab.
10. Ach Reuter, laß die |: drey Lilien stahn, :|
Es soll sie ein junger frischer Jäger han.
Hop sa sa sa, dra ra ra ra,
Es soll sie ein junger frischer Jäger han.
Fliegendes Blatt, aus Des Knaben Wunderhorn, I. Band

Es blies ein Jäger |: wohl in sein Horn, :|
Und alles was er blies, |: das war verlor'n. :|
Hallia hussassa! Tirallala!
Und alles was er blies, |: das war verlor'n. :|
2. Soll denn mein Blasen |: verloren sein? :|
Viel lieber wollt' ich |: kein Jäger sein :|
Hallia hussassa! Tirallala!
Viel lieber wollt' ich |: kein Jäger sein :|
3. Er warf sein Netz |: wohl über'n Strauch :|
Da sprang ein schwarzbraunes |: Mädel heraus :|
Hallia hussassa! Tirallala!
Da sprang ein schwarzbraunes |: Mädel heraus :|
4. Ach schwarzbraunes Mädel, |: entspring mir nicht!:|
Ich habe große Hunde, |: die holen dich. :|
Hallia hussassa! Tirallala!
Ich habe große Hunde, |: die holen dich. :|
5. Deine großen Hunde. |: die fürcht ich nicht,:|
Sie kennen meine hohen, |: weiten Sprünge nicht. :|
Hallia hussassa! Tirallala!
Sie kennen meine hohen, |: weiten Sprünge nicht :|
6. Deine hohen weiten Sprünge, |: die kennen sie wohl,:|
Sie wissen, daß du heute |: noch sterben sollst. :|
Hallia hussassa! Tirallala!
Sie wissen, daß du heute |: noch sterben sollst. :|
7. Und sterbe ich heute, |: so bin ich tot, :|
Begräbt man mich |: unter Rosen rot. :|
Hallia hussassa! Tirallala!
Begräbt man mich |: unter Rosen rot. :|
8. Wohl unter die Rosen, |: wohl unter den Klee, :|
Darunter vergeh' |: ich nimmermeh'. :|
Hallia hussassa! Tirallala!
Darunter vergeh' |: ich nimmermeh'. :|
9. Er warf ihr das Netz |: wohl über'n Leib, :|
Da ward sie des jungfrischen |: Jägers Weib. :|
Hallia hussassa! Tirallala!
Da ward sie des jungfrischen |: Jägers Weib. :|
Nach der alten Ballade vom Nachtjäger

Mittwoch, 2. Mai 2018

Wir radeln durch das Land

1. Wir radeln durch das Land
auf grauer Straßen Rand
und pfeifen wie ein Fink dabei.
|: Wir fahren in den Morgen
   ohne uns zu sorgen,
   wo am Abend Herberg für uns sei. :|

2. Die Bäume an der Seit,
die geben uns Geleit
und fassen manchmal uns beim Schopf.
|: Da fassen wir sie wieder,
   sie sind ja unsre Brüder,
   fällt auch mal ein Apfel in den Topf. :|
3. Bergauf, da geht es schwer,
doch wart nur hinterher,
zu Tal wir fliegen pfeil geschwind.
|: Die Sonne soll uns scheinen
   und die Haut uns Bräunen,
   treiben soll wie Segel uns der Wind. :|

4. Wir lieben den Asphalt
den ebnen Weg am Wald,
die Straße an dem kühlen Fluß.
|: Wir sehn so manches Städtchen,
   und so manche Mädchen
   rufen im Vorbeifahrn einen Gruß. :|
 
5. Wir haben wenig Brot
und kennen auch die Not,
im Beutel ist kein Pfennig Geld.
|: Doch trau'n wir auf den droben,
   den wir fröhlich loben,
   der uns schenkt die wunderweite Welt. :|

Donnerstag, 12. April 2018

Nun sich der Tag geendet hat

Nun sich der Tag geendet hat, und keine Sonne mehr scheint,
schläft alles, was sich abgematt' und was zuvor geweint.

Nur ich, ich gehe hin und her und suche, was mich quält,
ich finde nichts als ungefähr, das was mich ganz entseelt.

Ihr Sterne hört zwar meine Not, ihr helft mir aber nicht,
denn euer Einfluß macht mich tot und blendet mein Gesicht.

Du Schöne bist in Schlaf gebracht und liegst in stiller Ruh;
ich aber geh' die ganze Nacht und tu' kein Auge zu.

Erhöre doch den Seufzerwind, der durch die Fenster geht,
der sagt dir, wie du mich entzünd't, und wie es mit mir steht.

Bist du der Ursprung meiner Pein, so such' ich bei dir Rat,
durch dich kann mir geholfen sein! Ach, tu es in der Tat.

Indessen habe gute Nacht, du meine Lust und Pein,
und wenn du morgen aufgewacht, so laß mich bei dir sein.

Geistliche Version:
1. Nun sich der Tag geendet hat
und keine Sonn mehr scheint,
schläft alles, was sich abgematt
und was zuvor geweint.

2. Nur du, mein Gott, hast keine Rast,
du schläfst noch schlummerst nicht;
die Finsternis ist dir verhaßt,
weil du bist selbst das Licht.

3. Gedenke, Herr, doch auch an mich
in dieser schwarzen Nacht
und schenke du mir gnädiglich
den Schirm von deiner Macht!

4. Zwar fühl ich wohl der Sünden Schuld,
die mich bei dir klagt an;
ach aber deines Sohnes Huld
hat gnug für mich getan.

5. Den setz ich dir zum Bürgen ein,
wenn ich muß vor´s Gericht;
ich kann ja nicht verloren sein
in solcher Zuversicht.

6. Drauf tu ich meine Augen zu
und schlafe fröhlich ein,
mein Gott wacht jetzt in meiner Ruh,
wer wollte traurig sein?

7. Weicht, nichtige Gedanken hin,
wo ihr habt euren Lauf,
ich baue jetzt in meinem Sinn
Gott einen Tempel auf.

8. Soll diese Nacht die letzte sein
in diesem Jammertal,
so führ mich, Herr, in Himmel ein
zur auserwählten Zahl.

9. Und also leb und sterb ich dir,
mein Gott, Herr Zebaoth,
im Tod und Leben hilfst du mir
aus aller Angst und Not.



(Kindergebetelied, Autor: Joh. Friedr. Herzog (1647 - 1699)  EG 478